
Holzhybridbau im Neubau: Kriterien für das passende Tragwerk
Wie viel Holz ein Neubau verträgt, entscheidet nicht die Fassadenansicht. Entscheidend sind Spannweiten, Lastabtrag, Feuerwiderstand, Schallschutz, Bauhöhe und der geplante Rückbau.
Genau an dieser Stelle beginnt die eigentliche Planung eines Holzhybridbaus.
Holz, Beton und Stahl werden dabei nicht einfach addiert. Jedes Material übernimmt die Aufgabe, für die es konstruktiv geeignet ist. Holz trägt Zugkräfte und ermöglicht eine hohe Vorfertigung. Beton bringt Druckfestigkeit, Masse und Steifigkeit ein. Stahl überbrückt große Spannweiten und reduziert bei bestimmten Anschlüssen die Bauteildimensionen. Das passende Tragwerk entsteht aus der Verteilung dieser Aufgaben.
Die neue MHolzBauRL: Ein Rahmen, kein Freibrief
Die überarbeitete Muster-Richtlinie über brandschutztechnische Anforderungen an Bauteile und Außenwandbekleidungen in Holzbauweise, kurz MHolzBauRL, wurde am 4. September 2024 beschlossen. Sie unterscheidet systematisch zwischen Holztafelbauweisen und Massivholzbauweisen. Auch Verbundbauteile wie Holz-Beton-Verbunddecken werden ausdrücklich in diesem Zusammenhang betrachtet.
Das ist für den Neubau aus zwei Gründen relevant. Erstens wird Holzbau nicht mehr nur über die Materialbezeichnung beurteilt. Eine Brettsperrholzdecke, eine Holztafelwand und eine Holz-Beton-Verbunddecke verhalten sich im Brandfall unterschiedlich. Zweitens hängt die Zulässigkeit nicht allein vom Baustoff ab. Gebäudeklasse, Raumaufteilung, Bauteilaufbau und Feuerwiderstand greifen ineinander.
Die Richtlinie bezieht sich auf feuerwiderstandsfähige Holzbauteile in Gebäuden mit brandschutztechnisch abgetrennten Räumen oder Raumgruppen bis zu einer Größe von maximal 400 Quadratmetern. Diese Grenze ist kein allgemeiner Maßstab für jedes Holzgebäude. Sie beschreibt einen Anwendungsbereich der Richtlinie. Ob ein konkretes Bauvorhaben darunterfällt, muss mit der jeweiligen Landesregelung und dem Brandschutzkonzept abgeglichen werden.
Auch die Gebäudehöhe spielt eine Rolle. Im Umfeld der Musterbauordnung und der MHolzBauRL wird für die Gebäudeklassen 1 bis 5 eine obere Grenze von 22 Metern genannt. Das bedeutet nicht, dass Holzhybridbau oberhalb dieser Höhe grundsätzlich ausgeschlossen ist. Es bedeutet, dass sich mit wachsender Höhe die Anforderungen an Tragwerk, Brandabschnitte, Rettungswege, Fassaden und Genehmigung deutlich verschärfen.
Die MHolzBauRL bewertet nicht das Etikett „Holzbau“. Sie bewertet den konkreten Bauteilaufbau im konkreten Gebäude.
Für die Planung ist deshalb ein früher Brandschutznachweis entscheidend. Wird er erst erstellt, wenn Grundriss, Fassadenraster und Haustechnik bereits feststehen, sind Änderungen teuer. Dann müssen Schächte vergrößert, Deckenaufbauten angepasst oder sichtbare Holzoberflächen nachträglich verkleidet werden. Der Holzhybridbau verliert dadurch nicht automatisch seine Qualität. Er verliert aber einen Teil seines konstruktiven Vorteils.
Tragwerkskonzepte zwischen Holz, Beton und Stahl
Ein Holzhybridbau kann sehr unterschiedlich aussehen. Der Begriff beschreibt kein einzelnes System. Er bezeichnet eine Kombination mehrerer Baustoffe innerhalb eines Tragwerks oder eines Gesamtgebäudes.
In der Praxis sind vier Grundmodelle besonders relevant:
1. Betonkern mit Holztragwerk:
Treppenhaus- und Aufzugskern bestehen aus Stahlbeton. Außenstützen, Decken und Fassadenelemente werden überwiegend in Holz ausgeführt. Der Kern übernimmt die horizontale Aussteifung. Das ist bei mehrgeschossigen Büro- und Wohnbauten ein verbreitetes Prinzip.
2. Holz-Beton-Verbunddecken:
Eine Holzplatte oder Holzbalkenlage wird mit einer aufbetonierten Schicht verbunden. Das Holz übernimmt vor allem die Zugkräfte. Der Beton arbeitet auf Druck und verbessert zusätzlich Schall- und Brandschutz. Die Verbindung zwischen beiden Schichten ist statisch entscheidend.
3. Getrennte Holz- und Betonsysteme:
Holzdecken, Betonkerne und Stahlbauteile bleiben konstruktiv stärker voneinander getrennt. Dieses Prinzip kann den Rückbau erleichtern, weil die Materialien weniger dauerhaft miteinander verklebt oder verbunden sind.
4. Stahl-Holz-Hybrid:
Stahl kommt dort zum Einsatz, wo schlanke Stützen, große Spannweiten oder besondere Anschlussdetails gefragt sind. Holz übernimmt Flächen und sichtbare Tragteile. Beton kann auf den Kern oder einzelne hoch belastete Bereiche beschränkt bleiben.
Die Auswahl beginnt mit dem Grundriss. Ein enges Stützenraster erzeugt andere Anforderungen als eine offene Bürofläche. Wohnungsbau benötigt viele wiederkehrende Achsen und eine gute Integration von Installationen. Gewerbebauten verlangen häufig größere Spannweiten und flexible Grundrisse. Bei einem Museum, einer Halle oder einem Versammlungsbau kann die Tragstruktur stärker durch die Raumwirkung geprägt sein.
Das Material folgt dem Lastweg
Der Lastweg muss auf dem Plan klar lesbar sein. Decken leiten ihre Lasten an Unterzüge, Wände oder Stützen weiter. Diese Bauteile geben die Kräfte an Fundamente und Baugrund ab. Bei einem Hybridtragwerk werden die Übergänge zwischen den Materialien besonders wichtig.
Holzstützen benötigen andere Anschlüsse als Stahlbetonstützen. Ein Betonkern verformt sich unter Last und Temperatur anders als ein Holzrahmen. Deckenanschlüsse müssen nicht nur Kräfte übertragen. Sie müssen auch Bewegungen, Toleranzen und den Bauablauf aufnehmen.
Bei der Vorfertigung verschiebt sich ein Teil der Arbeit von der Baustelle in die Werkhalle. Das kann die Montage beschleunigen und die Zahl der wetterabhängigen Arbeitsschritte reduzieren. Es verlangt aber eine genaue Planung der Schnittstellen. Ein Installationsschacht, der im Entwurf nur wenige Zentimeter verschoben wird, kann später mit einem vorgefertigten Deckenelement kollidieren.
Für die Materialwahl sind vor allem diese Fragen entscheidend:
- Welche Spannweite benötigt der Grundriss ohne zusätzliche Stützen?
- Wo liegt der aussteifende Bereich gegen Wind- und Horizontallasten?
- Welche Deckenstärke ist für Raumhöhe und Installationen verfügbar?
- Wie werden Schall- und Trittschallanforderungen erfüllt?
- Welche Bauteile müssen sichtbar bleiben, und welche können verkleidet werden?
- Wie viele Elemente lassen sich wirtschaftlich vorfertigen?
- Welche Verbindung soll beim späteren Rückbau lösbar bleiben?
Vergleich der wichtigsten Systeme
| Kriterium | Holz-Beton-Verbund | Massivholz mit Betonkern | Stahl-Holz-Hybrid |
|---|---|---|---|
| Lastabtrag | Holz übernimmt Zug, Beton Druck | Holzdecken und -wände tragen, Beton steift aus | Holz für Flächen, Stahl für Stützen und große Spannweiten |
| Schallschutz | Hohe Masse durch Betonauflage | Zusätzliche Schichten und Estrich meist erforderlich | Abhängig vom Deckenaufbau, Anschlüsse besonders sorgfältig planen |
| Brandschutz | Betonauflage kann Schutz und Feuerwiderstand verbessern | Bekleidungen, Abbrandbemessung und Bauteilaufbau sind maßgeblich | Stahl benötigt bei hohen Anforderungen meist einen zusätzlichen Schutz |
| Spannweiten | Für mittlere bis größere Spannweiten geeignet | Wirtschaftlich vor allem bei regelmäßigem Raster | Gut bei großen Spannweiten und schlanken Traggliedern |
| Vorfertigung | Hoch, aber mit präzisen Verbundanschlüssen | Sehr hoch bei standardisierten Elementen | Hoch, jedoch komplexe Schnittstellen zwischen Stahl und Holz |
| Rückbau | Verbund erschwert sortenreine Trennung | Je nach Verbindung gut lösbar | Mechanische Verbindungen können eine getrennte Demontage erleichtern |
| Typische Stärke | Steifigkeit, Masse und verbesserter Schallschutz | Hoher Holzanteil und klare Bauteillogik | Große Offenheit und schlanke Konstruktion |
Die Tabelle zeigt auch die zentrale Einschränkung: Ein System ist nicht in jeder Kategorie führend. Die Verbunddecke kann beim Schallschutz Vorteile haben, erschwert aber den sortenreinen Rückbau. Eine reine Massivholzkonstruktion reduziert Betonmengen, benötigt jedoch für manche Anforderungen zusätzliche Schichten. Stahl ermöglicht große Spannweiten, bringt aber eigene Anforderungen an Brandschutz und Korrosionsschutz mit.
Brandschutz und Raumgruppen: Warum der Grundriss mitentscheidet
Brandschutz wird häufig als technische Zusatzaufgabe behandelt. Im Holzhybridbau gehört er jedoch zur Grundrissplanung. Die Größe brandschutztechnisch abgetrennter Räume und Raumgruppen beeinflusst Fluchtwege, Wände, Türen, Installationsführungen und die Anordnung des Tragwerks.
Die MHolzBauRL nennt für ihren Anwendungsbereich Raumgruppen bis zu 400 Quadratmetern. Diese Zahl wirkt zunächst wie eine reine Flächenangabe. In der Planung ist sie aber mit der Frage verbunden, wie ein Gebäude gegliedert wird. Eine große, offene Nutzungseinheit benötigt eine andere brandschutztechnische Strategie als mehrere klar getrennte Bereiche.
Ein Betonkern kann die Erschließung aufnehmen und gleichzeitig einen robusten brandschutztechnischen Bereich bilden. Das löst jedoch nicht automatisch alle Probleme der angrenzenden Decken und Außenwände. Dort müssen Bauteilaufbau, Anschlüsse, Bekleidungen und Durchdringungen zusammenpassen.
Besonders empfindlich sind Leitungsführungen. Jede Öffnung in einer Holzdecke verändert den Bauteilaufbau. Installationen können die erforderliche Feuerwiderstandsdauer beeinträchtigen, wenn Abschottungen nicht bereits in der Werkplanung berücksichtigt werden. Nachträgliche Kernbohrungen sind deshalb im Holzbau kein normaler Baustellenschritt, sondern eine planerische und statische Intervention.
Auch die sichtbare Holzoberfläche hat Konsequenzen. Sichtbares Holz kann aus architektonischen Gründen erwünscht sein. Gleichzeitig vergrößert sich im Brandfall die brennbare Oberfläche. Der Nachweis muss berücksichtigen, wie stark ein Bauteil abbrandet, welche Restquerschnitte erhalten bleiben und ob zusätzliche Bekleidungen erforderlich sind. Eine Entscheidung für Sichtqualität ist damit immer auch eine Entscheidung für einen bestimmten Bauteilaufbau.
Die Gebäudeklasse allein beantwortet diese Fragen nicht. Sie bildet den rechtlichen Rahmen. Das konkrete Tragwerk entsteht aus dem Zusammenspiel von:
- Feuerwiderstand der einzelnen Bauteile,
- Begrenzung und Abtrennung von Raumgruppen,
- Ausbildung der Rettungswege,
- Abschottung von Installationen,
- Schutz der Holzoberflächen,
- Zugänglichkeit für Feuerwehr und Instandhaltung.
Bei hohen oder komplexen Gebäuden kann Beton deshalb dort sinnvoll sein, wo er nicht sichtbar wird: im Kern, in Sockelbereichen oder in stark beanspruchten Zonen. Das ist keine Niederlage des Holzbaus. Es ist eine saubere Zuordnung von Funktionen.
Holz-Beton-Verbund: Mehr Leistung, aber eine feste Verbindung
Holz-Beton-Verbunddecken gehören zu den leistungsfähigen Lösungen im Holzhybridbau. Ihr Prinzip ist einfach zu erklären: Holz liegt auf der Zugseite, Beton auf der Druckseite. Beide Schichten werden durch Verbundmittel so miteinander verbunden, dass sie statisch gemeinsam arbeiten.
Die Betonauflage bringt Masse in die Decke. Das verbessert in vielen Fällen den Schallschutz und kann die Trittschallübertragung reduzieren. Bei Sanierungen und Ertüchtigungen werden durch Holz-Beton-Verbundlösungen Reduzierungen des Trittschalls von etwa 5 bis 6 Dezibel genannt. Wie stark der Effekt im fertigen Gebäude ausfällt, hängt jedoch vom gesamten Deckenaufbau, von Flankenwegen und vom Bodenaufbau ab. Eine einzelne Verbundschicht ersetzt keine vollständige akustische Planung.
Auch beim Brandschutz kann die Betonauflage Vorteile bringen. Sie schützt die Holzkomponente teilweise und erhöht die Masse des Bauteils. Die Wirkung hängt von Dicke, Anschlussdetails, Abbrand und Bekleidung ab. Ein pauschales Versprechen wäre hier falsch. Der Nachweis erfolgt am konkreten Bauteil.
Der Preis für die hohe Leistungsfähigkeit ist die Verbindung selbst. Holz und Beton lassen sich nach dem Einbau nicht so einfach trennen wie lose übereinandergelegte Bauteile. Verbundmittel, Klebungen, Vergussbereiche und Betonschichten bilden ein gemeinsames System. Beim Rückbau entsteht dadurch mehr Aufwand. Das Material kann nicht ohne weiteres sortenrein getrennt werden.
Diese Frage hat beim Hamburger Hochhaus Roots die Konstruktion beeinflusst. Das 65 Meter hohe Gebäude in der HafenCity umfasst 19 Geschosse. Tiefgarage, Erdgeschoss, die ersten beiden Obergeschosse und der Erschließungskern wurden in Stahlbeton ausgeführt. Darüber beziehungsweise daneben kommt Holzbau zum Einsatz. Auf Holz-Beton-Verbunddecken wurde bewusst verzichtet, um die Recyclingfähigkeit beim späteren Abbruch zu verbessern.
Das Beispiel zeigt eine wichtige Planungsentscheidung. Mehr Verbund bedeutet nicht automatisch mehr Nachhaltigkeit. Ein Bauteil kann im Betrieb weniger Material benötigen und zugleich beim Rückbau schwerer zu trennen sein. Nachhaltiges Bauen muss deshalb den gesamten Lebenszyklus betrachten:
1. Herstellung: Welche Materialien, Energieaufwände und Transportwege entstehen?
2. Montage: Wie viel wird vorgefertigt, und wie viele Arbeitsschritte sind auf der Baustelle nötig?
3. Nutzung: Wie verhalten sich Bauteile bei Schall, Temperatur, Feuchte und Reparatur?
4. Umbau: Können Grundrisse verändert und Leitungen angepasst werden?
5. Rückbau: Lassen sich Bauteile demontieren oder nur zerkleinern?
6. Wiederverwendung: Bleiben Elemente mit ihren Abmessungen und Anschlüssen erneut nutzbar?
Der nachhaltigere Aufbau ist nicht immer der mit dem höchsten Holzanteil. Oft ist es der, dessen Bauteile später ohne Zerstörung auseinandergehen.
Rückbau beginnt am ersten Verbindungsmittel
Die Diskussion über Kreislaufgerechtigkeit bleibt zu allgemein, wenn sie nur den Baustoff nennt. Für den Rückbau ist die Verbindung wichtiger als das Materialetikett.
Eine verschraubte Holzstütze kann demontierbar sein. Eine verklebte oder tief vergossene Verbindung kann das erheblich erschweren. Eine Holz-Beton-Verbunddecke ist statisch effizient, aber nicht ohne weiteres in ihre Ausgangsmaterialien zu zerlegen. Auch Beschichtungen, Abdichtungen und Verbundestriche beeinflussen die spätere Trennung.
Für einen kreislauffähigen Holzhybridbau sollte das Tragwerk deshalb mit einem Bauteilkatalog verbunden werden. Darin stehen nicht nur Querschnitte und Materialqualitäten. Erfasst werden auch:
- Art und Position der Verbindungsmittel,
- zugängliche und verdeckte Anschlüsse,
- Schichtenfolge der Decken und Wände,
- lösbare Bekleidungen,
- verwendete Kleber, Vergussmassen und Beschichtungen,
- mögliche Demontagereihenfolge,
- spätere Austauschbarkeit einzelner Elemente.
Das klingt zunächst nach Dokumentation. Tatsächlich beeinflusst es den Entwurf. Eine Verbindung, die heute nur drei Minuten Montagezeit spart, kann später den Austausch eines ganzen Deckenfeldes verhindern. Umgekehrt kann eine sichtbare Schraubverbindung architektonisch störend wirken, aber eine klare Demontage ermöglichen.
Auch der Gebäudebetrieb gehört dazu. Holzbauteile müssen vor dauerhafter Feuchte geschützt werden. Leckagen, Kondensat und unkontrollierte Durchdringungen gefährden nicht nur die Oberfläche. Sie können die Tragfähigkeit und die Brandschutzfunktion beeinflussen. Der konstruktive Holzschutz bleibt daher auch im Hybridbau grundlegend: Wasser muss abgeführt, Anschlüsse müssen kontrollierbar und empfindliche Bereiche müssen zugänglich sein.
Leuchtturmprojekte zeigen unterschiedliche Antworten
Das Berliner Wohnhaus E3 in Prenzlauer Berg wurde 2008 fertiggestellt und gehört zu den frühen mehrgeschossigen Wohnbauten in Holzbauweise. Solche Projekte waren für die Entwicklung des urbanen Holzbaus wichtig, weil sie zeigten, dass Holz nicht auf Einfamilienhäuser oder kleine Baukörper beschränkt bleiben muss.
Mit dem Hamburger Roots verschiebt sich die Größenordnung deutlich. Das Gebäude verbindet einen massiven Sockel und Kern mit 16 Geschossen in Holzbauweise. Die Konstruktion reagiert damit auf mehrere Anforderungen gleichzeitig: hohe Gebäudehöhe, urbane Dichte, Brandschutz, Erschließung und der Wunsch nach einem großen Holzanteil. Der Beton sitzt dort, wo seine Masse und Steifigkeit besonders nützlich sind. Das Holz wird in den Geschossen zum bestimmenden Trag- und Raummaterial.
Beim Bürogebäude Timber Peak in Mainz werden Brettschichtholzstützen mit Fertigteildecken aus Holz-Beton-Verbund kombiniert. Brettschichtholz besteht aus verleimten Lamellen und erlaubt tragfähige, maßhaltige Stützen und Träger. Die Verbunddecken bringen Steifigkeit und Masse ein. Ein aussteifender Treppenhauskern aus Beton übernimmt die Stabilisierung gegen horizontale Einwirkungen. In der modularen Geschosskonstruktion liegt der Holzanteil bei über 50 Prozent.
Diese drei Beispiele lassen sich nicht als Rangliste lesen. Sie zeigen unterschiedliche Antworten auf unterschiedliche Aufgaben:
- Das Wohnhaus benötigt ein wiederholbares Raster und gut organisierbare Geschossgrundrisse.
- Das Hochhaus braucht einen klaren Aussteifungs- und Erschließungskern.
- Das Bürogebäude muss flexible Nutzungen, größere Spannweiten und eine hohe Vorfertigung verbinden.
Der richtige Holzhybrid entsteht deshalb nicht durch die Übernahme eines bekannten Projekts. Er entsteht durch die Übertragung des Konstruktionsprinzips auf den eigenen Baukörper.
Wie man das passende Tragwerk auswählt
Für den Entwurf reicht es nicht, Holz als Zielgröße festzulegen. Sinnvoller ist eine Entscheidungsmatrix, die technische und organisatorische Kriterien gemeinsam betrachtet.
1. Mit dem Raster beginnen
Ein regelmäßiges Achsraster senkt den Planungsaufwand und erleichtert die Vorfertigung. Unregelmäßige Stützenstellungen können architektonisch begründet sein, erhöhen aber den Aufwand bei Decken, Anschlüssen und Installationen. Bei Wohngebäuden muss das Raster mit Trennwänden, Bädern und Schächten funktionieren. Im Bürobau sollte es Möblierung und spätere Umnutzung erlauben.
2. Den Kern früh festlegen
Der Betonkern ist nicht nur ein Treppenhaus. Er kann die horizontale Aussteifung, die vertikale Erschließung, Leitungen und brandschutztechnisch robuste Bereiche aufnehmen. Seine Lage beeinflusst die Spannweiten der Geschossdecken und die Lasten der Randstützen. Ein zentraler Kern erzeugt andere Deckenfelder als ein exzentrischer Kern.
3. Spannweiten nicht isoliert betrachten
Eine größere Spannweite klingt nach mehr Flexibilität. Sie führt aber oft zu höheren Bauteilen, größeren Anschlusskräften und höheren Anforderungen an Durchbiegung und Schwingung. Bei Holzbalken oder Platten ist nicht nur die Tragfähigkeit maßgeblich. Gebrauchstauglichkeit entscheidet häufig früher: Die Decke darf nicht spürbar schwingen, sich unzulässig durchbiegen oder den Trittschall in angrenzende Räume übertragen.
4. Schall als System planen
Beton bringt Masse. Holz bringt geringe Eigenlast und hohe Vorfertigung. Für den Schallschutz wird deshalb häufig ein mehrschichtiger Aufbau benötigt. Estrich, abgehängte Decke, schwimmende Schichten und flankierende Bauteile wirken zusammen. Eine schwere Verbunddecke kann Vorteile bieten, ersetzt aber keine Detailplanung an Wand-Decken-Anschlüssen.
5. Feuerwiderstand mit dem Ausbau abstimmen
Bekleidungen, Installationsschächte und sichtbare Oberflächen dürfen nicht erst nach der Tragwerksplanung entschieden werden. Sie verändern den Bauteilaufbau. Je früher Architekt, Tragwerksplanung, Brandschutz und Haustechnik gemeinsam arbeiten, desto eher lässt sich Holz sichtbar halten, ohne den Nachweis zu erschweren.
6. Montage und Toleranzen festlegen
Vorfertigung funktioniert nur mit verlässlichen Schnittstellen. Betonkerne können gegenüber Holzbauteilen andere Maßtoleranzen und Bauzeiten aufweisen. Die Reihenfolge der Montage muss deshalb früh geklärt werden. Entscheidend sind Auflager, Feuchteschutz während der Bauphase, temporäre Aussteifung und die Zugänglichkeit der Anschlüsse.
7. Den Rückbau mitzeichnen
Ein Tragwerk ist nicht kreislaufgerecht, nur weil es aus nachwachsenden Rohstoffen besteht. Für jedes hybride Bauteil sollte feststehen, ob es später zerstörungsfrei ausgebaut, wiederverwendet oder lediglich stofflich verwertet werden kann. Diese Entscheidung betrifft die Verbindungsmittel ebenso wie den Bodenaufbau und die Fassadenbefestigung.
Holzhybridbau im Neubau: Kriterien für eine belastbare Entscheidung
Die Frage lautet nicht, ob Holz, Beton oder Stahl das bessere Material ist. Die Frage lautet, welcher Baustoff an welcher Stelle die technische Aufgabe am saubersten erfüllt.
Ein hoher Holzanteil kann das Eigengewicht reduzieren und den Vorfertigungsgrad erhöhen. Beton kann für Kern, Sockel und Decken dort sinnvoll sein, wo Masse, Steifigkeit, Brand- oder Schallschutz gebraucht werden. Stahl kann bei großen Spannweiten und schlanken Anschlüssen Vorteile bieten. Gleichzeitig bringt jedes Material Folgewirkungen mit: beim Bauablauf, bei der Feuchte, bei den Kosten, beim Brandschutz und beim Rückbau.
Die MHolzBauRL 2024 schafft dafür einen präziseren Rahmen. Sie ersetzt aber nicht die projektspezifische Planung. Ebenso wenig liefert ein Referenzprojekt eine fertige Lösung für den nächsten Baukörper. Entscheidend bleiben der Lastweg, der Bauteilaufbau und die Verbindung zwischen den Materialien.
Wer Holzhybridbau als Konstruktionsaufgabe versteht, plant nicht zuerst die sichtbare Holzoberfläche. Er beginnt mit dem Tragwerk. Er legt fest, wo Kräfte laufen, wo Räume getrennt werden, wo Feuchtigkeit abgeführt wird und wie ein Bauteil später wieder ausgebaut werden kann. Erst daraus entsteht eine Architektur, die nicht nur nach Holz aussieht, sondern konstruktiv auf Holz beruht.