Atlas Re-Edificatoria: Wenn katalanische Baukunst auf zeitgenössische Skulptur trifft
Seit wann gilt ein gerissener Estrich als Bildkomposition? Adrià Goula, Architekturfotograf aus Barcelona, hat in seinem Projekt Re-Edificatòria siebzehn Phasen der Gebäudesanierung systematisch festgehalten – vom Ausheben bis zum Schutz der Rohsubstanz.

Warum steht ein temporäres Stahlgerüst in einer Kunsthalle?
Sieben davon sind jetzt in der Ausstellung Atlas Re-Edificatoria zu sehen, eingebettet in das Programm von Barcelona 2026, der von UNESCO und UIA ernannten Weltarchitekturhauptstadt. Die Kernidee: Jede Bauphase wird zum eigenen Kapitel, jedes Kapitel bekommt ein Gegenüber aus zeitgenössischer Kunst.
Wenn Abriss auf Skulptur trifft
Das Besondere liegt im Prinzip der Gegenüberstellung. Goulas Fotografien – aufgenommen auf echten Baustellen, nicht inszeniert – werden neben Skulpturen und Installationen katalanischer sowie spanischer Künstlerinnen und Künstler präsentiert. Sieben der siebzehn Kapitel sind für die Schau ausgewählt: Prozesse wie Akkumulieren, Unterteilen, Markieren, Umstrukturieren und Schutz bilden die Brücke. Plötzlich liest sich eine provisorische Abstützung wie eine minimalistische Skulptur. Eine freigelegte Wandfläche zeigt Schichten, die so komponiert wirken wie eine Collage.
Das Kuratorische daran: Die Kategorie bestimmt die Paarung. Nicht das fertige Gebäude steht im Zentrum, sondern das, was davor passiert – die Übergangszustände, die im Alltag der Baustelle niemand bewusst wahrnimmt.
Die Baustelle als sichtbares Netzwerk
Goula ordnet seine Aufnahmen nach dem, was tatsächlich geschieht: Ausheben, Entfernen, Abtragen, Anhäufen, Bohren, Bewahren, Markieren, Nachordern, Vernähen, Unterteilen, Tarnen, Kanalisieren, Schützen. Jeder Begriff beschreibt eine konkrete Handlung – und gleichzeitig eine visuelle Qualität, die man auf jeder Sanierungsbaustelle erkennen kann, wenn man genau hinsieht.
Für Architekturliebhaberinnen und -liebhaber ist das mehr als eine akademische Übung. Die Bilder zeigen, wie alt und neu in einer Sanierung tatsächlich koexistieren: Bestandskonstruktion, frisch eingebrachte Interventionen, freigelegte Schichten, temporäre Stützen und veränderte Oberflächenschichten erscheinen gemeinsam. Der Atlas macht dieses Nebeneinander lesbar – als eine eigene Formsprache zwischen Konstruktion und künstlerischer Praxis.
Barcelona 2026 als Rahmen
Die Schau ist Teil des Programms der Weltarchitekturhauptstadt Barcelona 2026, das vom 12. Februar bis 13. Dezember läuft. Träger sind die Stadt Barcelona, die katalanische Regierung und das spanische Ministerium für Wohnungswesen und Stadtentwicklung. Zusammen mit Schulen, Universitäten und Kultureinrichtungen entsteht ein ganzjähriges Programm rund um Architektur, Stadtplanung und Landschaftsarchitektur.
Wer in den kommenden Monaten nach Barcelona reist, findet damit nicht nur Gaudí und den gotischen Viertel. Die Stadt bietet 2026 einen zusätzlichen Blickwinkel: Wer sich für die Prozesse hinter der Fassade interessiert, für das Sichtbarwerden von Struktur und Material vor dem fertigen Ergebnis, wird in dieser Ausstellung fündig. Der Hinweis an alle, die Architektur fotografisch erkunden: Haltet Ausschau nach den Übergangszuständen – dort passiert mehr, als man denkt.